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1. Die Auseinandersetzung mit dem Problem: Selbstmord
Einführung
Die Auseinandersetzung mit Selbstmord und Selbstmordversuchen
hat die Menschheit im Laufe der Geschichte immer wieder beschäftigt. Das Thema
Selbstmord ist nicht nur in der medizinisch - psychiatrischen Wissenschaft
behandelt worden. Die Kultur - und Literaturgeschichte hat sich, wie auch die
Religionswissenschaften, die Soziologie und die Psychologie, in vielfältiger
Weise mit diesem Thema auseinandergesetzt. Bereits in der Mythologie gehört der
Selbstmord zu den Ereignissen, die eine Tragödie einleiten oder auch beenden können.
Die erste Bibliographie über den Selbstmord erschien 1890 von Emilio Motta in
italienischer Sprache. Im Jahre 1927 erschien, herausgegeben von Hans Rost die
erste deutschsprachige Bibliographie des Selbstmords.
Die Soziologie hat sich sehr früh der Erforschung des Suizides zugewandt. Die
auch heute noch bedeutsame Arbeit "Der Selbstmord" von Emile Durkheim
(1897) beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen
Entwicklung und der Entwicklung der Suizidhäufigkeiten. Durkheim kommt zu dem
Schluß, dass die Suizidhäufigkeit um so größer ist, je mehr die gemeinsamen
Werte in einer Gesellschaft auseinanderfallen und an Bedeutung verlieren;
demgegenüber fällt die Suizidrate, wenn die Gesellschaft in hohem Maße
gemeinsame Werte hat. Durkheim berichtete bereits 1896 von der relativ hohen
Zahl von Kinder -/ Jugendlichensuiziden in Städten und schreibt: "Man darf
nämlich nicht übersehen, dass auch das Kind sozialen Bedingungen unterworfen
ist, die es durchaus zum Selbstmord bestimmen können. Was diesen Einfluß sogar
in dem vorliegenden Fall kennzeichnet, ist die Tatsache, dass Selbstmorde von
Kindern je nach Milieu verschieden sind. Sie sind nirgends so zahlreich wie in
den großen Städten. Es ist doch so, dass das Leben in der Gesellschaft auch für
das Kind früh anfängt, wie die Frühreife des kleinen Städters zeigt. Er ist
früher und vollständiger der Zivilisation ausgesetzt und spürt früher und
vollständiger ihre Wirkung. Daher kommt es auch, dass in den zivilisierten Ländern
die Zahl der Kinderselbstmorde mit beklagenswerter Stetigkeit wächst"
(Durkheim, 1897, S. 95f).
Die soziologische Untersuchung der Verteilung von Suiziden in Städten war in
den 20/30iger Jahren Inhalt der Forschung der Chicagoer Schule, wobei eine
Suizidhäufung in den Zentren großer Städte festgestellt wurde.
Die Psychiatrie hat sich bei der Behandlung Suizidaler lange Zeit auf die
Vergabe von Psychopharmaka beschränkt. Durch Psychopharmaka und klinische
Unterbringung allein ist jedoch der Suizidgefahr nicht zu entkommen, wie die
hohe Zahl von Kliniksuiziden beweist. Die Suizidprophylaxe gewann erst spät an
Bedeutung.
Die psychiatrische Grundauffassung, dass der Suizid der "Abschluß einer
krankhaften Entwicklung" sei, wurde von dem Wiener Psychiater Prof. Dr.
Erwin Ringel Anfang der fünfziger Jahre formuliert.
Ringel untersuchte 750 Krankengeschichten von suizidalen Patienten und
formulierte aus den psychiatrisch beschriebenen Auffälligkeiten das präsuizidale
Syndrom, eine Entwicklung, die schon einige Zeit vor dem Suizidversuch einsetzt
und als Alarmzeichen einer suizidalen Gefährdung gesehen werden kann.
Das präsuizidale Syndrom umschreibt eine Trias aus
Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien. Die Einengung beschreibt eine
regressive Bewegung, in der sich innere und äußere Entwicklungsmöglichkeiten
immer mehr reduzieren, die Gefühlswelt zunehmend von Angst, Verzweiflung,
Hoffnungslosigkeit bestimmt ist. Sie umfaßt eine affektive Einengung, sowie
eine Einengung der Beziehungen mit der Tendenz zur Entleerung und Entwertung der
Beziehungen.
In Verbindung mit einer gehemmten und gegen die eigene Person gerichteten
Aggression kommt es zur Flucht in Selbstmordphantasien, die immer drängenderen
Charakter annehmen. "In der Verfassung sein, die das präsuizidale Syndrom
beschreibt, heißt, dass es nur noch ein Thema gibt, das den Menschen
leidenschaftlich bewegt, sein Selbstmord oder besser gesagt, die phantasierte
Rettung seines Selbst durch die Vernichtung der Identität im Suizid" (
Schnell, 1993, S.149 )
Die diesem Modell zugrundeliegenden psychoanalytischen Erkenntnisse fließen in
Ringels eigener Arbeit in der Selbstmordprophylaxe ein.
Die Psychologie hat sich dem Problem der Depression und des Selbstmordes mit der
Arbeit von Freud zu "Trauer und Melancholie" (1916) und in bezug auf
Kinder und Jugendliche mit der Debatte über die Schülerselbstmorde in der
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung zum Beginn dieses Jahrhunderts angenommen.
Die Psychoanalyse verstand den Selbstmord zunächst hauptsächlich im
Zusammenhang mit einer depressiven Störung. Der Depressive ist an einen
Menschen in ambivalenter Weise (in Liebe und Haß) gebunden. Kommt es zu einem
realen oder phantasierten Verlust des Objekts, kann die entstehende Aggression
nicht nach außen gerichtet werden. Vielmehr wird das ambivalent besetzte Objekt
in das Ich introjiziert. Die Aggression, die dem Objekt gilt, wird dann gegen
das Selbst gewandt und äußert sich in Selbstanklagen, Selbstvorwürfen und
Suizidalität.
Spätere analytische Arbeiten setzen sich intensiv mit der narzißtischen Krise
als Ausgangspunkt suizidaler Handlungen auseinander (vgl. Hänsele, 1974).
Entscheidender Faktor ist dabei nicht mehr die nach innen gerichtete Aggression,
sondern die Beeinträchtigung des narzißtischen Gleichgewichts als Regulativ
des Selbstwertgefühls in der suizidalen Krise. Der Mensch in der narzißtischen
Krise ist in seinem Selbstwertgefühl so stark beeinträchtigt, dass alle
Verluste und Kränkungen als Katastrophe erlebt werden. Das narzißtische
Gleichgewicht, d.h. die grundsätzliche Überzeugung trotz aller Versagens - und
Kränkungserlebnisse ein akzeptabler Mensch zu sein, ist zunehmend labil
geworden und droht zusammenzubrechen. Das Gefühl, nichts wert zu sein, nichts
mehr leisten zu können, für niemanden mehr wichtig zu sein, wird immer
dominanter. Ständig durch das Erleben von Hilflosigkeit und Ohnmacht, von der
Angst sowie dem Schwinden aller Hoffnungen bedroht, wird versucht, sich durch
den Rückzug aus sozialen Kontakten vor dem weiteren Zusammenbruch zu schützen.
Der Suizidale sieht sich dem Leben in der Auseinandersetzung und
Konflikthaftigkeit nicht mehr gewachsen. Konflikte werden als unerträgliche
Zumutung äußerer Lebensumstände oder Bezugspersonen empfunden.
Vom Standpunkt der Kommunikationtheorien wird dem Appell-Charakter des
Suizidversuches besondere Bedeutung beigemessen. Die suizidale Handlung wird als
Kommunikationsversuch verstanden; es soll jemandem etwas mitgeteilt werden, was
nicht in Sprache gefaßt werden kann.
Alle Erfahrungen weisen darauf hin, dass in dem Prozeß der Entwicklung bis zum
Suizidversuch mehrere Faktoren wirksam werden. Die Schwierigkeit, aggressive
Regungen gegen andere Menschen bei sich selbst zu akzeptieren und deutlich
werden zu lassen, geht einher mit einer zunehmenden Verunsicherung des
Selbstbewußtseins und Selbstwertgefühls. Gleichzeitig wird eine Beziehungsstörung
wirksam, die es immer schwieriger macht, sich selbst zu verstehen und sich
anderen Menschen verständlich zu machen. Der Selbstmord wird dann zu einem
Zeichen, einem Appell, der die abgebrochene Kommunikation wieder herstellen
soll. Die Drohung, durch einen Suizid jede Beziehung abzubrechen, zielt
paradoxerweise darauf, Beziehungen neu zu beleben.
Suizidalität ist keine Krankheit, sondern Symptom einer
zugrundeliegenden Beziehungsstörung, die in ihrem Ausmaß und in ihrer Dynamik
in sehr unterschiedlicher Weise gestaltet sein kann.
Selbstmordgefährdung bei
Jugendlichen - Was steckt dahinter ?
Warum bringen sich junge Menschen um oder versuchen es?
Was geht in einem Menschen vor, der sich und den anderen so
etwas antun will, ein junger Mensch, der "das Leben noch vor sich
hat"?
Ist er krank? Ist der Jugendliche vielleicht sogar "verrückt"?
Bin ich "verrückt", wenn ich so etwas denke, immer
wieder, und von dem Gedanken nicht mehr loskomme?
Es gibt Antworten auf diese Fragen, aber es gibt nicht die
eine Antwort, die alles erklären könnte.
Selbstmord: Ein Thema des Lebens
Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Selbstmord oder
einem Selbstmordversuch konfrontiert, sei es in der eigenen Familie, im
Bekannten- oder Freundeskreis, sei es durch Zeitungsmeldungen, Filme und, nicht
zuletzt, durch die Literatur. Stefan Zweig beschreibt in seiner Novelle:
"Die Geschichte in der Dämmerung" eindrucksvoll die
Selbstmordphantasien eines jungen Mannes. Er malt sich seinen Tod vor dem
Fenster des bewunderten und unerreichbaren Mädchens aus. Die Phantasie hilft
ihm, eine erlebte Beschämung und Kränkung zu kompensieren und sich nicht
umzubringen. Auch Tom Sawyer ( Mark Twain ) tröstet sich über eine ungerechte
Behandlung, indem er Tante Polly in der Phantasie mit seinem Tod schwer
bestraft.
Zahlreiche Gedichte, Dramen, Theaterstücke und auch die antiken Sagen und
Mythen beschäftigen sich mit der Selbsttötung als Lösung in einer unüberwindlich
scheinenden, unerträglich gewordenen Situation oder als Erfüllung eines vor
Generationen begonnenen Schicksalsverlaufes.
Selbsttötung ist ein Thema, das zu allen Zeiten die Menschheit begleitet und
bewegt hat.
Es ist ein Teil der Auseinandersetzung mit dem Leben und mit dem Tod, die jeder
Mensch zu führen hat.
Besonders Jugendliche und Heranwachsende beginnen intensiv über das Leben
nachzudenken. Sie müssen sich mit ihren Wünschen, Ideen, Idealen, Lebensplänen
und Lebenszielen beschäftigen, müssen versuchen, den Sinn ihres Lebens zu
finden.
Das Jugendalter ist eine Zeit der Wandlung vom Kindsein zum Erwachsenwerden. Es
ist eine Zeit hoher Anforderungen an die Entwicklung der Persönlichkeit und
gleichzeitig heftiger Erschütterungen des Selbstgefühls. "Wer bin ich
selbst, wer will, werde ich sein?" sind Fragen, die nicht nur theoretisch
erörtert werden können, sondern mit heftigen Gefühlen verbunden sind. Die
voranschreitende Ausreifung der erwachsenen Sexualität, das plötzliche
Hereinbrechen intensiver Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte, begleitet von
Angst, auch Scham und Peinlichkeit, verunsichern existentiell das Gefühl von
sich selbst. So wie der oder die Jugendliche bisher war, so, wie er oder sie
sich als Kind erlebt, definiert hat und von den anderen, besonders von den
Eltern, bestätigt wurde, ist er/sie nicht mehr. So wie die Erwachsenen sind,
sich definieren, ihr Leben und ihre Gefühlswelt eingerichtet haben, fühlt sich
der/die Jugendliche noch nicht, lehnt es ab oder empfindet es nicht als
erstrebenswert. Es beginnt eine Zeit des Abschiednehmens und damit der Trauer,
eine Zeit der Veränderung und der Verunsicherung.
"Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen
ist dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am härtesten
mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am bittersten erkämpft
werden muß. Viele erleben das Sterben und Neugeboren werden, das unser
Schicksal ist, nur dieses eine Mal im Leben, beim Morschwerden und langsamen
Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns verlassen will und
wir plötzlich die Einsamkeit und tödliche Kälte des Weltraums um uns fühlen"
(Hermann Hesse in: Demian).
Erwachsene sagen meistens rückblickend, die Jugendzeit sei eine "herrliche
Zeit", dem jungen Menschen stünden "alle Möglichkeiten offen",
er habe "das Leben noch vor sich". Sie haben dabei vergessen, wie
verunsichernd und ängstigend diese Vielfalt der Möglichkeiten sein kann, wenn
noch kein sicherer Boden da ist, wenn die "Bühne", die
"Requisiten" und "Darsteller" zwar schon da sind, aber die
Regie noch nicht übernommen werden kann und zudem hinter oder unter der Bühne
neue/alte Charaktere hemmungslos auf ihren Auftritt drängen.
Die Jugendzeit ist eine Zeit des Experimentierens, des Suchens, Erforschens,
Probierens und Verwerfens, an deren Ende im besten Fall die kreative
Ausgestaltung des eigenen Lebens steht, die mehr ist als die Wiederholung der
durch die Erwachsenen, die Eltern und andere Vorbilder und Ideale vorgelebten
Rollen.
Ernst Bloch schreibt: "Bereits ein junger Mensch, der etwas in sich stechen
fühlt, weiß was es bedeutet, das Dämmernde, Erwartete, die Stimme von morgen.
Er fühlt sich zu etwas berufen, das in ihm umgeht, in seiner eigenen Frische
sich bewegt und das bisher Gewordene, die Welt der Erwachsenen, überholt. Gute
Jugend glaubt, dass sie Flügel habe und dass alles Rechte auf ihre herbrausende
Ankunft warte, ja erst durch sie gebildet, mindestens durch sie befreit
werde" (Ernst Bloch in: Das Prinzip Hoffnung).
Hier wird eine weitere Seite der Gefühlsschwingungen im Jugendalter
angesprochen. Der Trauer um die verlorene Sicherheit und Geborgenheit der
Kindheit einerseits und der Verunsicherung und Erschütterung des Selbstgefühls
andererseits, setzt der/die Jugendliche ein Gefühl der eigenen Großartigkeit,
Grandiosität und Selbstüberschätzung entgegen. Diese Aufwertung des eigenen
Selbst, oft von anderen als Arroganz, Überheblichkeit und Egoismus
wahrgenommen, ermöglicht es, die grundsätzliche Verunsicherung ertragen zu können
und dabei zu einer Infragestellung der äußeren Welt und der Bedingungen des
Lebens zu gelangen.
Die inneren Konflikte der Jugendlichen sind nicht zu trennen von den Konflikten,
die sie mit ihrer Umwelt, mit der Familie auszutragen haben. Dem oft von einem
Moment zum anderen wechselnden, widersprüchlichen Verhalten der Jugendlichen -
mal ist er/sie wie ein kleines Kind, das aufgenommen, geführt und gehalten
werden will, dann wieder trotzig, ablehnend, aggressiv, dann plötzlich wieder
ein anspruchsvoller, erwachsener Beziehungspartner - stehen die Eltern meist
hilflos und verständnislos gegenüber. So sind heftige Familienkonflikte in der
Zeit der Pubertät und Adoleszenz die Regel.
Die Jugendlichen brauchen die Stabilität und Sicherheit der Familie, um sich
ablösen und trennen zu können. Sie müssen sich auch aggressiv abgrenzen können,
müssen sich von den Eltern trennen und die Eltern müssen die herangewachsenen
Kinder loslassen können. Die Jugendlichen brauchen dazu wiederum das Vertrauen
der Eltern in ihre Fähigkeit, selbständig zu sein, ihre Probleme zu bewältigen
bzw. durch Schwierigkeiten zu reifen.
Auch die Eltern müssen sich trennen, Abschied nehmen von einer Phase ihres
Lebens und beginnen, ihr Leben ohne die Kinder neu zu gestalten. Sie müssen
neue Lebensinhalte, neue Werte finden, oft auch ihre Ehe betrachten und prüfen,
was sie miteinander ohne die Sorge um die Kinder anfangen können.
Die
Krise: Selbstwerdung oder Ende des Lebens?
Die "normalen", d.h. notwendigen Prozesse der
Selbstwerdung und Selbstfindung im Jugendalter sind an sich schon als eine
Lebenskrise zu verstehen, eine Krise, die die zentralen Bereiche des Menschen,
die Persönlichkeit, das Selbst, zu ihrem Thema hat. Eine Krise ist als ein
Prozeß zu verstehen, der sich langsam oder schnell zuspitzt. Alle Methoden und
Strategien, ein Problem zu bewältigen, haben versagt oder versagen. Es kommt zu
einer Ansammlung, einer Ballung verschiedener Gefühle, die als unerträglich
und spannungsreich empfunden werden. Jeder Mensch erlebt solche Prozesse im
Laufe der Entwicklung. Er wird dadurch gezwungen, Altes aufzugeben, da es nicht
mehr weiterhilft, und neue Möglichkeiten in sich selbst und in seiner Umwelt zu
entwickeln und einzusetzen
Ursprünglich bedeutet der aus dem griechischen kommende Begriff
"Krise" "Entscheidung".
Eine Krisenzeit ist eine Zeit großer Labilität, aber auch großer Offenheit für
Neues, eine Zeit großer Wandlungsfähigkeit, aber auch erhöhter Anfälligkeit,
Verletzlichkeit und Kränkbarkeit. Sie beinhaltet sowohl entwicklungsfördernde
Momente - ist insofern ein kreativer Prozeß - als auch zerstörerische oder
selbstzerstörerische Tendenzen.
Die Krise des Jugendalters, deren Inhalt die Erschütterung der gesamten Persönlichkeit,
des Selbstwertgefühls, der äußeren Werte und Sicherheiten ist, kann nur dann
erfolgreich bewältigt werden, wenn der Mensch in seinem bisherigen Leben eine
innere Sicherheit und Stabilität, sozusagen einen "Selbstkern"
entwickeln konnte, der dann die Basis bildet, um diese Erschütterungen
aushalten zu können. Im Jugendalter werden außerdem vermehrt Anforderungen
nach Selbständigkeit, Zukunftsplanung etc. durch die Umwelt, besonders durch
die Eltern, an die Jugendlichen herangetragen. Die Umgebung, der Freundeskreis,
aber vor allem die Beziehung zu den Eltern müssen relativ stabil, d.h. nicht
grundsätzlich fragwürdig sein. Besteht die Gefahr, die Zuwendung der Eltern
ganz zu verlieren, wenn die Ablösung beginnt, ist dieser Schritt kaum zu bewältigen.
Die Anforderungen, die durch die weitere Umwelt, die Schule, Ausbildung, die
Gesellschaft an die Jugendlichen herangetragen werden, können unter bestimmten
Bedingungen zu einer Überforderung werden und zu einer weiteren Verunsicherung
beitragen. Eine Schulbildung, die vor allem Leistungs-und Konkurrenzdenken fördert
und weniger Gewicht auf die inneren Wachstums- und Reifungsprozesse des
Individuums legt, sowie eine Gesellschaft, die mit der Umwelt und der Zukunft
gleichgültig und zerstörend umgeht, kann den Heranwachsenden wenig Verständnis,
Sicherheit und Mut für die Zukunft vermitteln. Instabile äußere und innere
Bedingungen des Lebens für die Jugendlichen und die Familien, aber auch rigide
und unflexible Einstellungen und Verhaltensweisen können dazu führen, dass die
Entwicklungskrise sich zu einer Krise ausweitet, die die psychische und
physische Gesundheit bedroht. Probleme aus der Entwicklungsgeschichte des
einzelnen und auch der Familie, die bisher erfolgreich verdrängt werden
konnten, kommen nun massiv an die Oberfläche, verstärken die innere Spannung
und führen zum Anwachsen des Unbehagens und der Angst. Die ganze Person kann
dann als grundsätzlich bedroht erlebt werden. So wird das Nachdenken über den
Sinn des Lebens zu immer mehr Zweifel über sich selbst bis zur Verzweiflung über
dieses Leben. Hoffnungslosigkeit, Resignation, Wut, die nicht mehr ausgedrückt
werden kann, Rückzug von anderen, Einsamkeit und zunehmende Sprachlosigkeit
verdichten sich, werden zu einem inneren Chaos, das dann in einem
Selbstmordversuch seinen - oft zunächst schwer verständlichen - Ausdruck
findet.
Der
Selbstmordversuch - ein Wunsch zu sterben?
Jeder Selbstmordversuch erzählt uns eine Geschichte, die
schon lange vorher begonnen hat. Es ist eine Geschichte von Selbstentdeckung,
Selbstzweifel, von Versuchen, sich anderen verständlich zu machen, Versuchen,
sich selbst zu verstehen, und dem Scheitern dieser Versuche. Es ist die
Geschichte der unbändigen Wut auf andere, auf sich selbst, die erschüttert,
Angst macht, unterdrückt werden muß. Es ist auch die Geschichte der Kränkung,
der Nichtachtung, Verletzung und erlittenen Verspottung der eigenen Persönlichkeit,
der eigenen Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Es ist die Tragödie der
versuchten Anpassung an die Anforderungen und Wünsche der wichtigsten
Bezugspersonen, des Scheiterns dieser Anpassung und damit der Erfahrung des
"Nie - richtig - seins", "Es - nie - recht - machen - Könnens".
Es ist auch die Geschichte der versuchten Lösung, Trennung von den Eltern, die
bereits in den ersten Lebensjahren begonnen hat. Das Gelingen oder Mißlingen
der ersten unabhängigen Schritte, der ersten Verselbständigung, die Wertschätzung,
Verurteilung oder Überforderung, die diese erste Trennungsleistung hervorruft,
bilden das Script, die Dramaturgie für alle weiteren Ablöse- und
Trennungsprobleme, die der Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat. Die ersten
Verselbständigungsversuche können dann mißlingen, wenn sie von den Eltern
z.B. aus übergroßer Sorge und Angst nicht geschätzt, unterbunden oder
abgewertet werden. Sie können auch dann zum Problem werden, wenn sie von den
Eltern zu sehr begrüßt werden, zu schnell zu viel Selbständigkeit vom Kind
gefordert wird und ihm die Rückkehr zu den Eltern und damit die Möglichkeit,
neue Kraft zu tanken, verweigert wird. Dann wird sich die Bewegung der Verselbständigung
nicht nach dem Rhythmus des Kindes, sondern nach den Bedürfnissen der Eltern
vollziehen. Das Kind paßt sich zwar an, entwickelt aber nicht in ausreichendem
Maße die innere Sicherheit seiner errungenen und gelungenen Selbständigkeit
und der Wichtigkeit und Wertschätzung seiner Persönlichkeit. In den erneut und
nun geballt auftretenden Ablöse-Anforderungen des Jugendalters bestimmen diese
frühen Probleme des Jugendlichen und seiner Eltern, wie dieser Reifungsschritt
bewältigt werden kann. Mit dem Selbstmordversuch oder der Drohung hat der/die
Jugendliche seine Lebensgeschichte, d.h. seine ganze Lebenserfahrung auf einen
Punkt gebracht, verdichtet und zugespitzt: "Ich will nicht mehr (weiter)leben,
ich will nicht mehr sprechen, nicht mehr leiden, nicht mehr verantwortlich sein,
nicht mehr fühlen!" Der Selbstmordversuch zeigt nicht in erster Linie eine
Todessehnsucht, sondern eine Lebensverzweiflung.
Er weist auf die momentan als ausweglos empfundene Lebenssituation und die lange
vorher begonnene Geschichte von Selbstzweifeln, Angst und tiefer Unsicherheit
der Beziehungen hin. Er ist auch der Versuch, das "Unsagbare" auszudrücken.
Der Selbstmordversuch zeigt den Wunsch nach Trennung und Lösung. Er zeigt auch
den Haß, die unbändige Wut und Zerstörungslust. Er sagt aus: "So wie
bisher geht es nicht, anders kann ich nicht." Er ist gleichzeitig der
Wunsch, dass alle Schwierigkeiten aufhören mögen, der Wunsch nach einem Ende
aller Angst, Verzweiflung, der Wunsch nach Geborgenheit und Einheit mit sich. Er
ist ein Signal, ein Schrei, der auch sagt: "Wenn ich nicht dramatisiere, hört
mich keiner". Er ist Erpressung und zeigt damit die Unsicherheit über die
Verläßlichkeit anderer Menschen.
Selbstmordgefährdeten Jugendlichen erscheint das Leben als das Mörderische,
das Abweisende, das Abgestorbene. Mit dem Tod werden alle Lebenshoffnungen, alle
lebendigen und schönen Phantasien verbunden. Der Tod soll nun das herbeiführen,
was im Leben nicht erreichbar scheint, Ruhe und Geborgenheit, das Ende des Überlebenskampfes.
Ein Selbstmordversuch drückt somit gleichzeitig die Verzweiflung am Leben und
die Sehnsucht nach dem Leben - das anders sein möge als bisher - aus.
Wenn wir die Geschichte, die zu einem Selbstmordversuch geführt hat, verstehen
wollen, müssen wir mit dem Ende beginnen. Die Lebenssituation, in der der/die
Jugendliche lebt und in der der Selbstmordversuch gemacht wurde, enthält
zusammengefaßt und in verschlüsselter Form die Bestandteile dieser Geschichte.
Viele verschiedene Bedingungen sind zusammengekommen und haben zu einer
Zuspitzung der Krise beigetragen. Eine davon ist der Anlaß des
Selbstmordversuches, der häufig auf den ersten Blick als banal erscheint, aber
den Schlüssel für das Verständnis der Problemgeschichte enthält.
Ist der Anlaß z.B. die Trennung einer Liebesbeziehung, so ist dies wichtig zu
nehmen, wobei gleichzeitig gefragt werden muß, wie es dazu kommen konnte, dass
Trennung lebensbedrohlich geworden ist, warum die Einstellung zu sich selbst so
zerstörerisch werden konnte und wieso niemand da war, dem der/die Jugendliche
sich mitteilen konnte, der ihn ernst genug genommen hätte. Ist der Anlaß ein
schlechtes Zeugnis, so ist zu fragen, wie es zu solch einer Überschätzung des
Leistungsbereiches kommen konnte, dass eine Leistung den Wert des Lebens
ausmacht und wer in der Familie, möglicherweise auch sehr versteckt, die
Leistungswerte bestimmt.
Man kommt dem Problem nur näher, wenn man nach der ersten "Warum-Frage"
nicht aufgibt: Warum wird ein alltäglicher Konflikt so gewaltig, welche
Erinnerungen und Erfahrungen hat er wachgerufen, welchen Stellenwert hat dieser
Konflikt im Leben der Jugendlichen, der Familie, gegen wen könnte sich die Wut,
der "Tötungswunsch" noch richten, wer will den Jugendlichen "los
sein", welcher Auseinandersetzung, welcher Wahrheit wird in der Familie
ausgewichen?
Die Familie
Wie bei dem einzelnen trifft es auch auf die ganze Familie
zu, dass in Krisenzeiten bisher verdeckte Spannungen und Konflikte, besonders
die Probleme in den Beziehungen untereinander, plötzlich und massiv an die
Oberfläche kommen. Nicht nur die Jugendlichen, sondern die ganze Familie
durchlebt eine Krise. Ein Selbstmordversuch und auch die Selbstmordgefährdung
zeigen, dass die Familie ihre Konflikte nicht mehr ohne Hilfe bewältigen kann.
Häufig ist in den Familien eine schon lange vorher entstandene Beziehungs - und
Kommunikationsstörung festzustellen. Dies kann sich z.B. so auswirken, dass
Probleme und Konflikte nicht mehr miteinander ausgetragen, sondern
"totgeschwiegen" und "unter den Teppich gekehrt" werden.
Oder in der Familie bestimmen Unsicherheit, Unverständnis oder auch
Respektlosigkeit den Umgang miteinander. Unterschwellige Vorwürfe und Enttäuschung,
unausgesprochener Ärger und Wut haben sich angesammelt und
"vergiften" die Atmosphäre.
Betrachtet man die Familiengeschichten, kann man eine gewisse Häufung von
Bedingungen feststellen, die zu einem Selbstmordversuch führen können, aber
nicht zwangsläufig müssen. Sie können sich auch in anderen selbstzerstörerischen
Verhaltensweisen wie Drogenkonsum, Eßstörungen oder psychosomatischen
Krankheiten einen Ausdruck verschaffen.
Hier einige Beispiele bestimmter Familiengeschichten, die zu einem selbstzerstörerischen
Verhalten führen können:
- Die Familiengeschichte ist von plötzlichen Trennungen, Tod oder Selbstmord
eines Verwandten bestimmt. Die schmerzliche Auseinandersetzung mit diesen
Ereignissen und den Gefühlen ist nicht gelungen, das Geschehen zu einem Tabu
geworden.
- Eine Trennung ist nicht real vollzogen, aber ein
Beziehungspartner, oft der Vater, ist nicht wirklich anwesend oder nicht
"greifbar". Zum anderen Elternteil, der Mutter, kann eine sehr
intensive, andere ausschließende Beziehung entstehen. Unerfüllte Wünsche,
Enttäuschungen, Lebensängste der Mutter können dann die Bedürfnisse des
Kindes an den Rand drängen. Wächst das Kind heran und will selbständig
werden, sich lösen, muß es den "Lebensinhalt" der Mutter massiv in
Frage stellen. Die Beziehung der Eltern miteinander muß dann zum Thema werden.
- Konflikte zwischen den Eltern werden über das Kind ausgetragen, es muß
Partei ergreifen und ist hin - und hergerissen. Plötzlich sind sich die Eltern
wieder einig, die Rollen, die das Kind einnehmen muß, wechseln ständig. Es muß
sich ständig den Bedürfnissen der Eltern anpassen, alles ist verwirrend,
undurchschaubar. Das Kind wird ausgenutzt und überfordert. Es kann sich nie
"richtig" verhalten, da es sich immer gegen ein Elternteil wenden muß.
- Konflikte werden nicht geklärt, sondern durch Verschweigen
oder durch das "Recht des Stärkeren" entschieden. Das Kind erlebt
Spannungen, "Explosives" im Untergrund und lernt nicht, sich auszudrücken.
- Alle Erfahrungen von Gewalt in der Familie, offene oder
unterschwellige Feindseligkeit und Haß, Mißhandlungen, sexueller Mißbrauch
bestimmen das Selbstwertgefühl. Gewalt durch die Eltern erfahren zu müssen,
kann die Schwelle, sich selbst Gewalt anzutun, erheblich verringern. Dazu kommt,
dass Gewalterlebnisse in der Familie, besonders sexueller Mißbrauch, in
Peinlichkeit und Scham versteckt und verschwiegen, zu einem Familiengeheimnis
werden. So kann das Kind sich darüber nicht äußern, muß alles in sich
verbergen und gerät so noch mehr in ein Gefühl der Aussichtslosigkeit und
Resignation.
- Nicht nur die Erfahrung körperlicher Gewalt beeinträchtigt
das Selbstwertgefühl. Auch psychische Gewalt kann zerstören. Dazu gehören
z.B. Erniedrigungen, Verspottungen, Entwertungen, übermäßige Kontrolle und
Einengung und auch Aussagen wie: "Man hätte dich besser abgetrieben"
oder "wenn ich gewußt hätte, wie du bist, hätte ich dich nicht
geboren."
Ganz offenkundig häufen sich solche Familienkonstellationen
in der Vorgeschichte der Jugendlichen. In unserer Arbeit können wir die
Entwicklung bis hin zu einem Selbstmordversuch deutlich nachzeichnen und
nachvollziehen. Man kann sehen, dass sich in den Familien ein starkes Gewalt -
und Aggressionspotential aufgestaut hat, das sich in einem Selbstmordversuch
entlädt.
Zusammenfassung
Der Selbstmordversuch ist ein Versuch, in radikaler Form die
Beziehungen zu anderen Menschen abzubrechen und gleichzeitig aufzunehmen. Er ist
eine in sich widersprüchliche Handlung. Er ist, so seltsam das klingen mag, der
Wunsch, endlich einmal frei zu leben. Da ist einerseits der Wunsch, tot zu sein,
der die Sehnsucht ausdrückt nach dem Ende aller Anstrengungen, Schmerzen und
Leiden, nach Ruhe und Geborgenheit.
Andererseits zielt eine solche Handlung aber immer auch auf das Leben und auf
die Lebenden ab. Die Jugendlichen suchen nicht nur mehr oder weniger bewußt den
Tod, sondern sie wollen immer auch auf jemanden einwirken, ein Zeichen setzen.
Ein Selbstmordversuch oder bereits seine Ankündigung kann ein verzweifelter
Hilferuf, das wirklich allerletzte Mittel sein, bei den Eltern, in einer
Liebesbeziehung, einer Freundschaft etc. etwas zu verändern.
Ein Selbstmordversuch kann den Sinn haben, die Familie zusammenzuhalten, sie zum
gemeinsamen Handeln zu zwingen. Manchmal ist es der letzte, verzweifelte
Versuch, aus dem erdrückenden Wirrwarr familiärer Beziehungen und
unvereinbarer Gefühle zu entfliehen.
Jeder Selbstmordversuch ist ernstzunehmen, auch wenn die Mittel, die gewählt
wurden, nicht zum Tode führten. Die Absicht ist es auch dann, eine selbstzerstörerische
Handlung zu begehen. Einem "leichten" Selbstmordversuch, der nicht
ernstgenommen wird, folgen oft weitere Versuche.
Jeder Selbstmordversuch - aber auch die Ankündigung - zeigt, dass schwere
Probleme vorhanden sind, die der betroffene Jugendliche, das Kind oder die
Familie nicht mehr alleine lösen können. Diese Probleme müssen
herausgefunden, die geeigneten Hilfen angeboten und die Probleme zusammen mit
den Betroffenen bearbeitet werden.
Der Umgang und die Auseinandersetzung mit selbstmordgefährdeten Jugendlichen
und deren Familien muß entsprechend der zugrundeliegenden Struktur akzeptierend
und flexibel, gefühlvoll und klar, nicht verurteilend und ausgrenzend sein. Die
Betroffenen sollen ihre Probleme als eigene annehmen, die Krise aufarbeiten und
für sich als eine Entwicklungschance nutzen können.
Die Arbeit mit Selbstmordgefährdeten muß die Betroffenen vor der zerstörenden
Gewalteinwirkung schützen, aber nicht ein "Krankheitssymptom" oder
einen "Mangel" beseitigen, sondern vielmehr zur kreativen Entfaltung
der besonderen Persönlichkeit verhelfen.
2. Zur Häufigkeit
von Suizidhandlungen
Jede Statistik über Suizide ist mit Vorsicht zu betrachten.
Es ist davon auszugehen, dass eine Reihe von Suiziden nicht als solche erkannt
und erfaßt werden. So ist aus Untersuchungen bekannt, dass sich unter der
Rubrik KFZ-Unfälle auch Suizide, die mit dem Auto begangen wurden, verbergen.
Insbesondere bei internationalen Vergleichen in Suizidstatistiken sind die
unterschiedlichen Tabuisierungen zu bedenken. Es ist davon auszugehen, dass in
Regionen, in denen der Suizid stärker tabuisiert ist oder sogar unter Strafe
stand (z.B. war der Suizid und der Suizidversuch in England bis in die 60iger
Jahre strafbar), die Angehörigen und ein Hausarzt die Todesursache Suizid zu
vertuschen suchen.
Es muß zumindest für die West-Berliner Suizidhäufigkeit der letzten 20 Jahre
stark bezweifelt werden, dass bei der Betrachtung der Berliner Suizidstatistik
von annähernd richtigen Zahlen auszugehen ist. Die Berliner Ärztin Dr.
Annemarie Wiegand stellte in einer vergleichenden Untersuchung von Zeitreihen
der Todesfälle durch Suizid und ungeklärter Todesfälle fest, dass seit Mitte
der siebziger Jahre bei einem erheblichen Rückgang der Suizide die Zahl der Fälle
ungeklärter Todesursache rasant anstieg. Nach Frau Dr. Wiegand ist die
Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich unter den ungeklärten Todesfällen viele
nicht erkannte Suizide befinden.
Die statistischen Probleme und Unklarheiten vorangestellt, kann nun die
Entwicklung der Suizide zuerst in Berlin und weiter unten in Deutschland in
Zahlen dargestellt werden:
Suizide in Deutschland
|
Gesamt
|
West-Berlin nach
Alter und Geschlecht
|
Ost-Berlin nach Alter
und Geschlecht
|
|
Jahr
|
West-Berlin
|
Ost-Berlin
|
männl. bis 25
|
weibl. bis 25
|
0-25 J.
|
männl. bis 25
|
weibl bis 25
|
0-25 J.
|
|
1981
|
622
|
|
46
|
16
|
62
|
|
|
|
|
1982
|
412
|
300
|
28
|
16
|
44
|
|
|
|
|
1983
|
490
|
273
|
32
|
14
|
46
|
|
|
|
|
1984
|
490
|
233
|
33
|
8
|
41
|
|
|
|
|
1985
|
481
|
254
|
30
|
14
|
44
|
|
|
|
|
1986
|
436
|
218
|
29
|
6
|
35
|
|
|
|
|
1987
|
453
|
213
|
24
|
10
|
34
|
|
|
|
|
1988
|
471
|
184
|
28
|
10
|
38
|
|
|
|
|
1989
|
420
|
139
|
17
|
5
|
22
|
|
|
|
|
1990
|
419
|
171
|
23
|
9
|
32
|
|
|
|
|
1991
|
363
|
198
|
17
|
3
|
20
|
11
|
2
|
13
|
|
1992
|
353
|
197
|
15
|
9
|
24
|
4
|
5
|
9
|
|
1993
|
393
|
212
|
10
|
6
|
16
|
12
|
4
|
16
|
|
1994
|
384
|
183
|
15
|
5
|
20
|
7
|
2
|
9
|
|
1995
|
415
|
221
|
15
|
10
|
25
|
13
|
8
|
21
|
|
1996
|
377
|
206
|
14
|
3
|
17
|
8
|
7
|
15
|
|
1997 |
354 |
166 |
11 |
5 |
16 |
9 |
2 |
11 |
Seit ca. 100 Jahren wird in Deutschland Selbstmordgeschehen statistisch erfaßt.
Bei Betrachtung der Suizidhäufigkeiten nach Regionen fiel schon damals ein
Ost/West – Unterschied auf. Insbesonders der sächsische Raum wies sehr hohe
Suizidzahlen auf. 1898 erreichte die Selbstmordrate auf "DDR - Gebiet"
den Wert von 30 Suiziden pro 100.000 Einwohner, auf "BRD - Gebiet" von
18. In den Jahren 1950 und 1960 ergab sich für das Gebiet der DDR eine
Suizidrate von > 30 ( pro 100.000 Einwohner ) und damit eine der höchsten
der Welt. Im Vergleich dazu ist die Selbstmordrate 1991 in den neuen Bundesländer
25, in den alten Bundesländern 15 (pro 100.000 Einwohner ).
Unter dem Zwang, alles gesellschaftspolitisch bewerten zu wollen, aber mit einer
hohen Suizidrate keine Erfolgsmeldung abgeben zu können, veröffentlichten die
sozialistischen Gesundheitsbehörden ab 1961 keine Suizidstatistik mehr. Das
Thema Suizid verschwand weitgehend aus den Medien und damit aus der öffentlichen
Diskussion und wurde letztlich zu einem tabuisierten Thema.
Suizidalität in einer Größenordnung von durchschnittlich 5100 Selbsttötungen
pro Jahr ( davon ca. 360 in Berlin-Ost), wobei ca. 10% junge Menschen unter 25
Jahren waren, bedurfte trotz aller gesellschaftlicher Inakzeptanz einer
Beachtung in den medizinischen und psychologisch-sozialen
Versorgungseinrichtungen des DDR-Gesundheitswesens. Menschen nach einem
Suzidversuch wurden zumeist stationär aufgenommen. In Berlin waren die Charite´,
die Fachkrankenhäuser für Neurologie und Psychiatrie (Herzberge und
Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus), die Einrichtung des Hauses der Gesundheit in
Berlin-Hirschgarten zuständig. Im ambulanten Bereich waren die Fachambulanzen
der Fachkrankenhäuser, die psychiatrischen und Kinder - und
Jugendneuropsychiatrischen Beratungsstellen der Stadtbezirke sowie die
Polikliniken zuständig.
In der Bundesrepublik Deutschland (alte u. neue Bundesländer) haben sich im
Jahr 1997 insgesamt 12256 Menschen das Leben genommen. Davon waren:
|
unter 10 Jahren
|
3
|
|
10 - 15 J.
|
46
|
|
15 - 20 J.
|
276
|
|
20 - 25 J.
|
470
|
Die Gruppe der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen weist im Vergleich zu
anderen Altersgruppen keine hohe Suizidrate auf. (Man kann generell sagen, dass
die Wahrscheinlichkeit, durch Suizid zu sterben, mit dem Lebensalter zunimmt).
Bei jungen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, durch andere Todesursachen zu
sterben, ebenfalls gering. So kommt es, dass trotz niedriger Suizidrate der
Suizid die dritthäufigste Todesursache bei jungen Menschen darstellt (bei
jungen Männern um 20 Jahre sogar an zweiter Stelle der Todesursachen). Generell
sterben Männer doppelt so häufig wie Frauen durch Suizid. Dieser
geschlechtsspezifische Unterschied kommt bei jungen Menschen noch deutlicher zum
Ausdruck.
Suizidversuche
Über Suizidversuche werden keine amtlichen Statistiken geführt.
Eine Erfassung aller Suizidversuchshandlungen ist zudem sehr schwierig, weil nur
ein Teil der suizidalen Handlungen, z.B. die in Krankenhäusern behandelt werden
müssen, bekannt wird. Viele Suizidversuchshandlungen werden nur
Beratungsstellen oder Hausärzten bekannt oder bleiben völlig unbehandelt und
damit unbekannt.
So überrascht es nicht, dass die Untersuchungen zur Häufigkeit von
Suizidversuchen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Einigkeit besteht jedoch in generellen Aussagen wie der Feststellung, dass die
Zahl der Suizidversuche in der Gruppe junger Menschen am größten ist. Man kann
davon ausgehen, dass die Suizidversuche über alle Altersklassen hinweg ca.
zehnmal so häufig sind wie die Suizide. Für die Gruppe junger Menschen kann
man davon ausgehen, dass hier ca. 20 - 30 Suizidversuche auf einen Suizid
kommen.
Trends
Es ist für die Bundesrepublik festzustellen, dass die
Suizide bei Betrachtung langer Zeiträume um ein konstantes Mittel schwanken.
Berichte von einem dramatischen Anstieg der Suizide sind also zu verneinen. Für
die letzten 25 Jahre läßt sich eine generelle Tendenz zum Rückgang von
Suiziden feststellen. Diese Tendenz findet sich auch in anderen Ländern Europas
wieder. In der Entwicklung der Suizidhäufigkeiten in der DDR ergab sich ein ähnlicher
- allerdings nicht so ausgeprägter - Rückgang in den achtziger Jahren wie in
den alten Bundesländern. Anfang bis Mitte der siebziger Jahre waren die Suizide
auffallend häufig.
Zum Vergleich seien die Zahlen von 1975 mit denen von 1996 gegenübergestellt:
Suizide - BRD/DDR bzw. Deutschland
|
Jahr |
männlich |
weiblich |
gesamt |
|
1975 |
11.731 |
7.267 |
18.998 |
|
1996 |
8.728 |
3.497 |
12.225 |
Für Berlin läßt sich bei Betrachtung der letzten 25 Jahre
ebenfalls ein deutlicher Rückgang der Suizidhäufigkeiten feststellen. Während
sich 1970 in West-Berlin 917 Menschen das Leben genommen haben, sind es
im Jahr 1996 in Berlin (gesamt) 583 Menschen gewesen.
Diese positive Entwicklung ist sicherlich auf eine Vielzahl verschiedener
Faktoren im gesellschaftlichen Umfeld zurückzuführen, unter denen auch der
Ausbau der Hilfsangebote für Menschen in Krisen seine Bedeutung hat.
3. Hilfen für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche - Das Modell NEUhland-
Warum
eine Einrichtung für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche?
Der Versuch der Selbsttötung eines Jugendlichen ist in aller
Regel nicht Ausdruck einer krankhaften Entwicklung, sondern Signal eines inneren
und äußeren Konflikts des Jugendlichen. Dieser Konflikt wird als so unüberwindlich
und spannungsvoll erlebt, dass zumindest zeitweise der eigene Tod als der
einzige Ausweg aus dem bestehenden Dilemma erscheint. Die Wechselwirkung
zwischen den Gefühlen und Handlungen des Jugendlichen und den Reaktionen seiner
Umwelt verstärkt oft noch den Konflikt. Der Jugendliche in der Krise verhält
sich beispielsweise in der Familie unangepaßt, hält die Familienregeln nicht
ein. Der in diesem Verhalten verborgene Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zuwendung
wird nicht erkannt. Stattdessen wird der Jugendliche zurechtgewiesen und damit
konfrontiert, dass er nicht mehr so lieb, nett oder freundlich ist wie früher.
Diese Reaktion verstärkt beim Jugendlichen das Gefühl, nicht verstanden zu
werden. Schwierigkeiten in der Schule, Probleme, einen Arbeits- oder
Ausbildungsplatz zu finden, können die Gefühle von Inkompetenz, Passivität,
Aussichtslosigkeit und Verzweiflung verstärken.
Die Gefühle von Angst und Hilflosigkeit einerseits, der Wunsch, ohne die Hilfe
der Erwachsenen die Probleme lösen zu können andererseits machen es den
Jugendlichen schwer, professionelle Hilfe anzunehmen. Der Kontakt zum
Jugendlichen in einer suizidalen Krise ist infolge der Ambivalenz der Gefühle
und der Widersprüchlichkeit des Verhaltens sehr schwierig. Er signalisiert:
"Ich brauche Unterstützung, Hilfe, Zuwendung, Verständnis", zugleich
sagt er: "Mich kann sowieso niemand verstehen, ein Erwachsener schon gar
nicht!" Eltern und Lehrer sind durch diese Widersprüchlichkeit oft überfordert.
Hinzu kommt, dass die präsuizidalen Signale, die Jugendliche geben - wie Kreuze
und Särge malen, "im Spaß" sagen, was wäre, wenn sie sich jetzt aus
dem Fenster stürzten, "nur mal so" sich selbst verletzen - anderen
Angst machen und eigene Ängste um das Thema Tod und Sterben mobilisieren können.
Diese Signale werden dann leicht bagatellisiert, um den eigenen Ängsten zu
entgehen. In dieser schwierigen Situation kann oft nur eine professionelle Hilfe
wirksam sein.
In unserer Öffentlichkeitsarbeit fassen wir das Gefühl vor dem Suizidversuch
plakativ in dem Satz zusammen "Ich weiß nicht mehr weiter" und
symbolisieren dies als eine Situation, in der sich Konflikte und Probleme für
den Jugendlichen wie in einem Strudel verdichten und verengen.
Ein Hilfsangebot, dass wirksam sein will, muß so konzipiert sein, dass die
"Schwelle" für die Betroffenen möglichst niedrig ist ( leichte
Erreichbarkeit, die Möglichkeit, anonym zu bleiben), die Interventionsmöglichkeiten
aber so flexibel und vielfältig sein können, dass rasch und kompetent
gehandelt werden kann.
NEUhland bietet ein integriertes Angebot von Krisenintervention, Beratung und
Therapie für Kinder und Jugendliche, ihre Familie und ihr Umfeld sowie
gegebenenfalls auch eine stationäre Unterbringung des Jugendlichen in der
Krisenunterkunft. Dieser Verbund von Hilfen aus einer Hand an einem Ort ist ein
zentraler Bestandteil der Konzeption von NEUhland. Im Gegensatz zur klassischen
medizinisch-psychiatrischen Hilfe, die erst nach dem Suizidversuch einsetzt,
versucht NEUhland auch präventiv zu wirken, d.h. wir bieten unsere Einrichtung
als Ausweg vor dem Suizidversuch an, wenn Suizidgedanken und -phantasien
auftreten.
Der Name NEUhland ist übrigens eine Verbindung von Neuland als
Assoziationssymbol für neuen Weg, neuer Anfang, andere Erfahrungen und der früheren
Adresse der Beratungsstelle in der Uhlandstraße in Berlin-Wilmersdorf.
Das Angebot von NEUhland
In der Beratungsstelle NEUhland kann jeder anrufen. Jeder,
der selbst betroffen ist, selber Suizidgedanken hat, aber auch, wer in Sorge um
eine andere Person ist - einen Klassenkameraden, den Sohn, die Tochter oder
einen Freund - kann anrufen und sich beraten lassen.
Professionelle Helfer, also Sozialarbeiter aus den Jugendämtern, Mitarbeiter
anderer Beratungsstellen, Erzieher in Heimen können sich an NEUhland wenden und
für - besser aber mit - dem Jugendlichen einen Gesprächstermin vereinbaren.
Oft ist es sinnvoll, mit einem Mitarbeiter von NEUhland vorab die Hilfsmöglichkeiten
abzuklären. Der zweite Schritt wäre dann, den Jugendlichen zu motivieren,
selbst bei NEUhland anzurufen.
NEUhland bietet
· Krisenintervention
· Beratung und Therapie
· Familientherapie und
Gruppenarbeit an.
Bei manchen Jugendlichen, die sich in einer suizidalen Krise
befinden, stellt sich schnell die Unterbringungsfrage. Dies kann z. B. nach
einem Suizidversuch sein, wenn der Jugendliche im Krankenhaus oder in einem
Kriseninterventionszentrum ist, oder wenn der Suizidversuch Ausdruck als unüberbrückbar
empfundener Konflikte im Heim, in der Familie oder in der Wohngemeinschaft ist.
Voraussetzung für eine Aufnahme bei NEUhland ist die vorherige telefonische
Abklärung, ob ein Platz frei ist und das persönliche Aufnahmegespräch mit dem
Jugendlichen. Wichtig ist auch, zu wissen, dass die Krisenunterkunft keine
Klinik ist, es gibt keine ärztliche Betreuung, sondern eine sozialpädagogische
Begleitung bei größtmöglicher Selbständigkeit des Jugendlichen im Alltag.
Für Jugendliche mit ausgeprägter Suchtproblematik sind andere Beratungs- und
Unterbringungsmöglichkeiten geeigneter.
Für Helfer bietet NEUhland
· Fachberatung
· Supervision
· Fortbildungen
(s. Webseite www.neuhland.de/fortbildungsangebot.htm
)
Allen Helfern bieten wir im Rahmen unserer Möglichkeiten
Fachberatung an. Dies kann bedeuten, dass wir gemeinsam die Situation eines
Jugendlichen analysieren und Hilfsmöglichkeiten erarbeiten, oder dass
Mitarbeiter von NEUhland eine Helferkonferenz organisieren und leiten, oder dass
für einen begrenzten Zeitraum eine fachliche Begleitung oder Supervision
vereinbart wird.
Für selbstmordgefährdete junge Erwachsene, die für einen längeren Zeitraum
eine betreute Wohnsituation mit therapeutischer Begleitung brauchen, hat
NEUhland eine Therapeutische Wohngemeinschaft eingerichtet. Es können 5 junge
Erwachsene im Alter von 18 - 24 Jahren aufgenommen werden.
Das Projekt NEUhland
NEUhland umfaßt jetzt jeweils eine Beratungsstelle mit
Krisenunterkunft in Wilmersdorf und Friedrichshain sowie eine Therapeutische
Wohngemeinschaft für junge Erwachsene. Träger dieser Einrichtungen ist der
eingetragene Verein "Hilfen für suizidgefährdete Kinder und
Jugendliche" in Berlin. Mitglieder sind engagierte Angehörige sozialer
Berufsgruppen (Sozialarbeiter, Psychologen, Lehrer, Ärzte u.a.), die sich
zusammengeschlossen haben, um die Lage von Kindern und Jugendlichen in Krisen zu
verbessern und unbürokratische Hilfen bereitzustellen. Der Verein wurde vom
Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit beauftragt, eine
Modelleinrichtung für selbstmordgefährdete Kinder und Jugendliche aufzubauen.
Nach einer Phase intensiver Vorbereitung wurde 1984 unter dem Namen NEUhland die
Beratungsstelle mit der Krisenunterkunft in Berlin-Wilmersdorf eröffnet.
Mit der Beendigung der Modellphase, die wissenschaftlich begleitet wurde, übernahm
der Senat von Berlin die Finanzierung der Einrichtung. Die Aufhebung der Teilung
der Stadt brachte die Notwendigkeit eines Aufbaus neuer Einrichtungen im Ostteil
Berlins mit sich. Die Mitarbeiter gründeten in Berlin-Friedrichshain eine
zweite Beratungsstelle mit Krisenunterkunft, die im Mai 1992 ihre Arbeit
aufnahm.
Zusätzlich wurde im September 1992 eine Therapeutische Wohngemeinschaft für
junge Erwachsene eröffnet.
Die Beratungsstellen werden durch die Senatsverwaltung für Schule, Jugend und
Sport im Rahmen der Projektförderung finanziert, die Krisenunterkunft durch
Tagessätze. Eine wichtige Hilfe sind für uns Spenden, auf die wir auch
weiterhin angewiesen sind.
Zentrale konzeptionelle Merkmale von NEUhland sind der enge Verbund von Beratung
und Unterbringung, die Einbeziehung des Umfeldes in das Unterstützungsangebot
und die Vernetzung von therapeutischer Tätigkeit und Öffentlichkeits-,
Fortbildungs- und präventiver Arbeit innerhalb einer Institution. Die
Mitarbeiter von NEUhland, Psychologen und Sozialpädagogen, verbindet ein
gemeinsames Grundverständnis typischer Konflikte im Jugendalter und suizidaler
Krisen. Über diese Grundorientierung hinaus haben sie verschiedene
therapeutische Ausbildungen und Orientierungen. Zum Team jeder Beratungsstelle
gehört eine Verwaltungskraft.
Wie kommen
die Betroffenen zu NEUhland?
Wichtigstes Ziel unserer Öffentlichkeitsarbeit ist es, die
Jugendlichen vor einem Suizidversuch anzusprechen, also präventiv zu arbeiten
und die vorhandenen Ressourcen und Kräfte zu nutzen. Wir versuchen, dies durch
unsere Plakate, durch Aufkleber in der U-Bahn und in Telefonzellen, durch
verschiedene Aktivitäten in der Presse und den anderen Medien zu erreichen. Darüber
hinaus gehen wir auch - soweit uns dies möglich ist - auf Anfragen von
Schulklassen, Ausbildungseinrichtungen usw. ein und informieren über unsere
Arbeit. Der Versuch, die Jugendlichen direkt anzusprechen, ist recht
erfolgreich. Viele Jugendliche melden sich ohne Vermittlung Dritter bei uns und
beziehen sich beispielsweise auf Aufkleber in der U-Bahn, die sie vor längerer
Zeit einmal registrierten. In der Krise erinnern sie sich an die Information über
eine Stelle, die ihnen Hilfe anbietet und mit dem Satz "Ich weiß nicht
mehr weiter" ihre Gefühle beschreibt.
Andere Jugendliche und ihre Familien finden über die Vermittlung von Lehrern,
Sozialarbeitern oder Mitarbeitern sozialpädagogischer Einrichtungen zu uns.
Eine große Zahl von Jugendlichen kommt über Einrichtungen der Jugendhilfe,
insbesondere Heime und Wohngemeinschaften. Weiter bitten uns Krankenhäuser und
Kriseninterventionszentren um einen Besuch, wenn sie einen Jugendlichen nach
einem Suizidversuch aufgenommen haben. Nach einem Suizidversuch kommt es darauf
an, den Kontakt zum betroffenen Jugendlichen so schnell wie möglich
herzustellen, also sobald das Befinden des Jugendlichen ein Gespräch zuläßt.
Der bloße Hinweis bei der Entlassung, sich mit seinen Sorgen an eine andere
Einrichtung zu wenden, bleibt in aller Regel folgenlos und dient eher der
Beruhigung des Helfers.
Die Beratungsstellen
Unmittelbare Anlaufstelle von NEUhland sind die
Beratungsstellen, die montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr unter der Nr.: 8730
111 erreichbar sind. Mitarbeiter aus sozialpädagogischen und medizinischen
Einrichtungen können täglich zw. 18 und 22 Uhr (am Wochenende von 9 bis 22
Uhr) unter der Nr.: 8640 9178 eine notwendige Aufnahme in der Krisenunterkunft
veranlassen.
Die Kontaktaufnahme findet fast immer telefonisch statt. Das erste Telefonat ist
zugleich ein Test: "Kann ich mich auf den Unbekannten an der anderen Seite
der Leitung einlassen, kann ich ihm vertrauen, ihm trauen? Versteht er meine
versteckten Botschaften? Weiß er, dass ich völlig verzweifelt bin, wenn ich
sage: "Heute geht es mir nicht so ganz gut?" Im Telefonat versucht der
Berater eine erste Einschätzung der akuten Suizidgefahr und des zentralen
Konfliktthemas. Er vereinbart mit dem Anrufenden den Termin für ein Erstgespräch,
wenn nicht am selben Tag, dann in der Regel innerhalb von zwei Tagen entweder in
der Beratungsstelle in Wilmersdorf oder in Friedrichshain.
Der Verlauf des ersten Gespräches prägt die beginnende Beziehung zwischen
Klient und Berater. Mißlingt die Gratwanderung zwischen mitfühlender und verständnisvoller
Anteilnahme einerseits und der für die eigene Handlungsfähigkeit notwendigen
therapeutischen Distanz andererseits, so kann der Abbruch der Beratung die Folge
sein. Nach unseren Erfahrungen ist eine vorbehaltlose Solidarisierung mit dem
jugendlichen Klienten nicht sinnvoll. Vielmehr durchschaut der Jugendliche recht
schnell die Verlogenheit und Hilflosigkeit, die sich hinter einer Haltung
verbirgt, die den Unterschied zwischen Ratsuchenden und Beratenden, zwischen
Jugendlichen und Erwachsenen verleugnet. Der Jugendliche sucht im Konflikt ja
gerade eine Person und eine Beziehung, die Klarheit, Eindeutigkeit und Ruhe
gegen seine eigene Unklarheit, Ambivalenz und Unruhe setzen kann. Spürt der
jugendliche Klient die Aufrichtigkeit des Beraters, die auch das Eingeständnis
eigener Ratlosigkeit beinhalten kann, so wird er am ehesten auch bereit und in
der Lage sein, sich mit anderen Positionen zu konfrontieren. Die vorschnelle
Solidarisierung, die rasche Versicherung, den Jugendlichen ganz zu verstehen,
ist nicht glaubwürdig, schafft kein Vertrauen und führt zu dem Resultat, dass
der Jugendliche sich nicht ernst genommen fühlt.
Wichtiges Thema im Erstgespräch ist der Suizidversuch bzw. die Gedanken an
einen möglichen Suizidversuch. Gibt es "nur" allgemeine Gedanken an
einen möglichen Suizid oder schon weitergehende, sehr konkrete Vorstellungen über
Handlungsweise, Ort und Zeit eines Suizidversuchs? In der Situation nach einem
Suizidversuch stellen sich die Fragen nach den aktuellen Auslösern, den
zugrundeliegenden Konflikten und der Bedeutung des Suizidversuchs für die
Beziehungen des Jugendlichen. Wem sollte dadurch etwas mitgeteilt werden?
Welcher Konflikt und welche Kränkung sollte ausgedrückt werden? Was sollte
mitgeteilt werden? Auch eine mögliche neue Krise sollte vorausschauend
besprochen werden. Zu wem würde der Klient am ehesten Kontakt aufnehmen, wen
kann er wann erreichen? Muß er vielleicht Freunde vorbereiten, damit er sie
mitten in der Nacht anrufen kann?
Im ersten Gespräch soll auch eine erste Klärung der bedeutsamsten Konflikte
erreicht werden, damit der Berater in der Lage ist, sein weiteres Vorgehen zu
fokussieren. Wird der wichtigste Konfliktbereich als innerer Konflikt
verstanden, so wird eher mit dem Jugendlichen allein gearbeitet. Ist der
Konflikt des Jugendlichen zugleich mit großen Spannungen und schweren
Auseinandersetzungen mit anderen Menschen verbunden, so muß - gemeinsam mit dem
Klienten - überlegt werden, ob nicht gemeinsame Gespräche z.B. mit der Familie
des Jugendlichen angebracht sind. Schon im Erstgespräch sollte nach
Entlastungsmöglichkeiten gesucht werden. Ein wichtiges Entlastungsmoment kann
das Angebot der Unterbringung in einer Krisenunterkunft von NEUhland sein.
So falsch es wäre, die Probleme des Jugendlichen zu verharmlosen und nicht
ernst zu nehmen, so richtig ist es, dem jugendlichen Klienten auch Mut zu
machen, ihm die Überzeugung zu vermitteln, dass es möglich ist, einen Weg aus
der Krise zu finden, einen Weg, den man bereit ist, eine Zeit lang mitzugehen.
Am Ende des Erstgesprächs steht in der Regel eine erste Vereinbarung über das
Setting der Beratung, also darüber, wann, wie oft, wer, zu welchen Bedingungen
miteinander spricht.
Die weitere Vorgehensweise richtet sich nach dem Problem und den Möglichkeiten
des Jugendlichen und seines Umfeldes, nach der Einschätzung und der
therapeutischen Orientierung des Beraters und der Bereitschaft des Klienten, an
sich zu arbeiten. Manchmal bleibt es bei einer kurzfristigen, aber intensiven
Krisenintervention, oft folgt aber eine längere Beratung, in (schon aus Kapazitätsgründen)
sehr seltenen Fällen kommt es zu langfristigen therapeutischen Vereinbarungen.
Der größte Teil der Jugendlichen, die zu NEUhland kommen, ist zwischen 14 und
20 Jahren alt. Sehr viel geringer ist der Anteil von Kindern unter 14 Jahre. Bei
ihnen ist in aller Regel eine familientherapeutische Vorgehensweise angebracht.
Nicht wenige junge Erwachsene bis zum Alter von etwa 25 Jahren wenden sich an
uns. Sie verstehen sich als noch nicht erwachsen, als Heranwachsende mit den für
dieses Alter typischen Problemen.
Obwohl sehr viel mehr männliche Jugendliche als weibliche sich selbst töten,
sind mehr als 60% unserer Klienten Mädchen und junge Frauen. Sicherlich haben
Jungen nicht weniger Probleme. Die ungleiche Verteilung verweist eher darauf,
dass es den männlichen Jugendlichen sehr viel schwerer fällt, über sich zu
sprechen, sich und anderen einzugestehen, dass sie Konflikte haben.
Die Krisenunterkunft
Die Krisenunterkunft ermöglicht eine stationäre Aufnahme
bei akuter Suizidalität. Der Berater kann im Erstgespräch, aber auch bei einer
akuten Krise während der therapeutischen Arbeit die Aufnahme vorschlagen und muß
bei einer Erhöhung der Suizidgefahr nicht an andere Einrichtungen überweisen.
Eine unnötige Aufnahme in einem psychiatrischen Krankenhaus kann so vermieden
werden. Der häufig zu beobachtenden Tendenz, die Lösung scheinbar unüberwindbarer
Lebensprobleme anderen zu übertragen, Beziehungskonflikte nicht auszutragen,
sondern als Krankheit aufzufassen und so auch die Bearbeitung nach außen zu
delegieren, kann so begegnet werden. Einerseits bietet die Krisenunterkunft in
gewissem Maße eine Entlastung und einen Schutzraum, andererseits steht die
Aufarbeitung der akuten inneren und äußeren Konflikte weiterhin im Fokus der
Aufmerksamkeit.
In den Krisenunterkünften in Wilmersdorf und Friedrichshain können jeweils 5
Jugendliche betreut werden. Die Aufnahme ist freiwillig. Bei Minderjährigen muß
die Zustimmung der Erziehungsberechtigten eingeholt werden. Kostenträger sind
die zuständigen Jugendämter. In Ausnahmefällen übernimmt das Sozialamt die
Kosten.
Während des Aufenthalts werden die Jugendlichen von sozialpädagogischen Fachkräften
rund um die Uhr betreut.
Die Aufnahme beginnt mit dem Aufnahmegespräch, in dem die Dauer und das Ziel
des Aufenthalts vereinbart werden. Die aktuelle innere und äußere Problemlage
wird so weit wie möglich herausgearbeitet und die therapeutische Intervention während
des stationären Aufenthalts geplant. Der Aufenthalt sollte so kurz wie möglich,
jedoch so lange wie nötig sein. Die Jugendlichen bleiben möglichst in ihrem
sozialen Beziehungsgefüge integriert. Die Krisenunterkunft stellt so einerseits
einen geschützten therapeutischen Raum dar, in dem auch eine begrenzte
Regression möglich sein kann. Andererseits versuchen wir, die starken, nach
Entwicklung drängenden Seiten der Jugendlichen so weit zu unterstützen, dass
sie wieder lebendig werden können und die Jugendlichen so bald wie möglich
wieder dazu fähig werden, mit eigenen Kräften ihr Leben zu gestalten.
Die Jugendlichen sind von Anfang an gefordert, für sich selbst und für den
Aufenthalt in der Krise die Verantwortung mitzuübernehmen. Zu diesem Prozeß
gehört ein Arbeitsbündnis, das
· die Anerkennung der Regeln in
der Krisenunterkunft,
· die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den
eigenen Problemen
· die Bereitschaft, die Gespräche mit dem
Therapeuten in der Beratungsstelle wahrzunehmen
· und die Zusicherung, keinen Suizidversuch und
keine selbstschädigende Handlung vorzunehmen, umfaßt.
Diese zuletzt genannte Verabredung dient nicht dazu, die
Suizidalität auszugrenzen, sondern soll in erster Linie dazu führen, dass die
Jugendlichen für ihr Verhalten die Verantwortung übernehmen. Wenn
Suizidgedanken und -phantasien auftreten, soll der Kontakt mit den Betreuern
gesucht werden.
Im Alltag in der Krisenunterkunft müssen sich die Jugendlichen zahlreichen
Auseinandersetzungen stellen, miteinander und mit den Betreuern Beziehungen
eingehen und Konflikte lösen. Der Tagesablauf wird gemeinsam geplant, es wird
miteinander eingekauft, gekocht, es gibt feste Verabredungen, wann die Gruppe
zusammentrifft, und regelmäßige Gruppengespräche. In dieser sehr dichten und
häufig auch spannungsvollen Situation ist ständig die Möglichkeit gegeben,
die Art der Beziehungsgestaltung zu reflektieren, Verhaltensweisen aufzugreifen
und kritisch zu betrachten, die entstandene Beziehungsdynamik auf dem
Hintergrund der Entwicklungsgeschichte der Jugendlichen zu verstehen und
aufzuarbeiten.
Für die Betreuer der Krisenunterkunft beinhaltet diese Arbeitsweise die
Anforderung, sich in einer lebendigen Auseinandersetzung mit den Jugendlichen zu
befinden und ständig über die psychodynamischen Hintergründe zusammen mit den
Beratern zu reflektieren. Der enge Austausch mit den Therapeuten der
Beratungsstelle ermöglicht optimale Arbeitsabsprachen, die den Jugendlichen in
den Interventionen zugute kommen.
Nach der Entlassung aus der Krisenunterkunft wird in der Regel die ambulante
Beratung fortgeführt.
Die
Therapeutische Wohngemeinschaft für 18 – 24jährige
Seit September 1992 unterhält NEUhland eine Therapeutische
Wohngemeischaft (TWG) ), in der 5 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren
leben.
Aufgenommen werden junge Erwachsene, die immer wieder suizidale Krisen, häufig
verbunden mit Angstzuständen, starken Kontakt - und Antriebsstörungen,
depressiven Stimmungen und selbstverletzendem Verhalten erleben. Die Persönlichkeitsentwicklung
ist meist durch narzißtische Persönlichkeitsstörungen, Borderline – Persönlichkeitsstörungen
oder auch psychotischen Entwicklungen bestimmt. Das Erleben der Bewohner ist
hauptsächlich durch ein sehr verletztes Selbstwertgefühl gekennzeichnet. Ein
überhöhtes Ich – Ideal geht einher mit Versagensängsten, die sich in
Verweigerung, Verhaltens – und Kontaktstörungen und auch in psychosomatischen
Beschwerden ausdrücken können. Alltägliche Frustrationen oder Zurückweisungen
werden dann als sehr kränkend erlebt und können eine Kette von negativen
Gedanken und Gefühlen auslösen. Die eigenen Gefühle und Impulse, besonders
die negativ bewerteten wie Aggression, Haß, Neid oder Eifersucht können oft
nicht ertragen und angemessen geäußert, manchmal nicht einmal wahrgenommen
werden.
Die TWG will deshalb einen Schutzraum bieten, in dem der Einzelne in seiner
besonderen Entwicklungsgeschichte gesehen wird. Die Betreuer stellen sich für
die Erfahrung einer tragfähigen, konfliktstabilen Beziehung zur Verfügung. Die
Bewohner können so Mitgefühl und Verständnis für die erlittenen Kränkungen
erfahren und auch eine Korrektur der eigenen destruktiven Verhaltensweisen
erarbeiten. Sowohl die Betreuer als auch die schon „älteren" Bewohner
sind zudem wichtige Modelle beim Erlernen eines erweiterten Gefühls – und
Konfliktlösungsspektrums.
Der Aufenthalt in der TWG soll einer Chronifizierung psychischer Störungen
sowie einer Chronifizierung der Krise entgegenwirken, Aufenthalte in der Klinik
vermeiden helfen bzw. verkürzen und eine zusätzlich drohende soziale
Verwahrlosung verhindern.
Die Hilfestellung in der TWG umfasst alle Bereiche der persönlichen Reifung:
-
Einzelgespräche (die häufig an Alltagskonflikten
ansetzen)
-
Gruppenarbeit (Gruppenabende, Freizeitgestaltung,
Haushaltsorganisation)
-
Heranführen an Arbeit/ Ausbildung/ Beschäftigung
-
Umgang mit Geld, Regelung von Angelegenheiten im
Zusammenhang mit Ämtern.
-
Einzelpsychotherapie
Die TWG wird durch 3 Sozialpädagogen/innen (mit je 28,75
Std.) mit unterschiedlicher Zusatzqualifikation betreut. Die Betreuer sind an 6
Tagen in der Woche jeweils 5 Stunden in der Wohnung anwesend. Tritt eine
Krisensituation auf, kann die Betreuung erhöht werden.
Die Aufenthaltsdauer in der TWG umfaßt in der Regel 2 Jahre (max. 3 Jahre). Die
Finanzierung erfolgt – nach Begutachtung durch den Sozialpsychiatrischen
Dienst – über §§ 39, 40 BSHG. Die Bewohner, die bisher entlassen wurden,
waren anschließend in der Lage, in einer eigenen Wohnung zu leben, benötigten
dabei noch einige Zeit die Hilfe durch einen Einzelfallhelfer.
GEMINI
Therapeutische Wohngemeinschaft für 14 bis 21jährige
In Kooperation mit dem Verein „Jugendwohnen im Kiez"
betreibt der Verein „Hilfen für suizidgefährdete Kinder und
Jugendliche" vier therapeutische Wohngemeinschaften mit insgesamt 22 Plätzen.
In den Wohngemeinschaften werden Jugendliche aufgenommen, die eine intensivere
Betreuung benötigen, als sie Jugendwohngemeinschaften gewöhnlich anbieten können.
Die Bewohner sind in ihrer Entwicklung durch schwere Persönlichkeitsstörungen,
schwere neurotische Entwicklungen, psychosomatische Erkrankungen (häufig Eßstörungen)
beeinträchtigt. Häufig sind diese Entwicklungen von wiederkehrenden
krisenhafte Verläufen gekennzeichnet, die mit Suizidalität und auch
selbstverletzendem Verhalten begleitet sind. Meist haben sich bereits
Verhaltensstörungen verfestigt, die die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit,
Konfliktfähigkeit und sozialer Kompetenz beeinträchtigen. Oft ist
Schulversagen und Schulverweigerung als Folge sozialer Ängste oder Versagensängste
bereits eingetreten.
Die Wohngruppen unterscheiden sich in der Dichte und Intensität des
Betreuungsangebotes. Sie werden entweder rund um die Uhr betreut oder täglich
nachmittags und abends mit Rufbereitschaft für aktuelle Krisen. Die
Entscheidung darüber, welche Form für welchen Jugendlichen die richtige ist,
wird in den Aufnahmegesprächen entschieden. Für jeden Bewohner wird ein
differenzierter Hilfeplan erarbeitet. Die Kooperation mit den Familien und mit
den bisher betreuenden Einrichtungen, wie z.B. Kliniken oder pädagogische
Einrichtungen in denen der Bewohner zuvor betreut wurde sowie auch die
Zusammenarbeit mit Ärzten, bes. Kinder – und Jugendpsychiatern ist ein
wichtiges Anliegen von GEMINI. In den Wohngruppen haben die Jugendlichen die
Gelegenheit in den alltäglichen Beziehungskonstellationen ihre Beziehungsfähigkeit,
Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz zu erproben und zu entwickeln. In
dem festen, klar strukturierten und verläßlichen Beziehungsrahmen wird die
unmittelbare Erfahrung möglich, sich selbst in dem Miteinander mit anderen zu
erleben und sich gegenseitig mit seinen Stärken und Schwächen zu tolerieren
und zu unterstützen. Zusätzlich erhält jeder Bewohner eine
psychotherapeutische Behandlung bei einem Therapeuten der Beratungsstellen
NEUhland. Konzeptionell werden sowohl therapeutische als auch ein sozialpädagogischer
Überlegungen miteinander verbunden. Die Mitarbeiter von GEMINI reflektieren
ihre Arbeit regelmäßig miteinander in der Supervision.
Der Aufenthalt bei GEMINI ist eine erzieherische Hilfe nach §§27 i.V.m. §34
oder §35a SBG VIII. Das Jugendamt am Wohnort der Eltern entscheidet über den
Bedarf zur Unterbringung und finanziert diese.
Information und Prävention
Die Weitervermittlung unserer Erfahrungen und unserer
Kompetenz ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.
Die Entwicklung von Konzepten der Krisenintervention und der Beratung und
Therapie bei Suizidgefährdung ist neben der Erschließung des Problems
Suizidgefährdung im Jugendalter überhaupt eine wichtige Aufgabe. Durch eine
allgemeine Öffentlichkeitsarbeit, durch Informationsveranstaltungen für
Kollegen aus dem sozialen, medizinischen oder pädagogischen Bereich, für
Studenten, Lehrer, Praktikanten und Schulklassen, aber auch durch Vorträge und
Seminare bei Tagungen und Kongressen im medizinischen und psychotherapeutischen
Bereich gelingt es, unsere Erfahrungen weiterzuvermitteln.
Der Verein ist Mitglied der "Deutschen Gesellschaft für
Suizidprävention" (DGS) sowie der "International Association for
Suicide Prevention" (IASP) und auch auf diesem Wege aktiv an der
Diskussion, der wissenschaftlichen Erforschung und der praktischen Umsetzung
einer entwickelten Krisenintervention beteiligt.
Innerhalb Berlins haben die von NEUhland -Mitarbeitern regelmäßig
durchgeführten mehrtägigen Fortbildungen für Kollegen aus dem sozialen, pädaogischen
und medizinischen Bereich eine besondere Bedeutung. Sie dienen der intensiven
Erarbeitung fachlicher Kompetenz, um im jeweiligen Arbeitsbereich drohende
Suizidalität erkennen und notwendige Hilfen einleiten zu können. Ein weiterer
wichtiger Bereich ist die Fachberatung und Supervision. Erzieher aus Heimen,
Mitarbeiter aus Jugendfreizeiteinrichtungen, therapeutischen Institutionen,
Krankenhäusern und niedergelassene Psychotherapeuten können sich an uns
wenden, wenn sie bei einem Jugendlichen Signale einer suizidalen Krise
wahrnehmen.
Diese gerade auch für die Prävention so wichtige Arbeit kann wegen der
unzureichenden Finanzierung nur noch begrenzt durchgeführt werden. Im
Widerspruch zu der unzureichenden finanziellen Ausstattung wird auch von
staatlicher Seite die Arbeit von NEUhland als vorbildhaft anerkannt. Zu hoffen
ist, dass zukünftig die weitere Arbeit der beiden Beratungsstellen gewährleistet
und dauerhaft gesichert wird. Ebenso ist zu hoffen, dass sich auch in anderen
Ballungszentren der Bundesrepublik ähnlich arbeitende, unabhängige Gruppen
finden, die für Jugendliche in suizidalen Krisen Einrichtungen schaffen, die
den Kindern, Jugendlichen und deren Eltern unmittelbar und unbürokratisch
helfen.
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Einrichtungen von NEUhland
NEUhland
Beratungsstelle
Krisenunterkunft
Nikolsburger Platz 6
10717 Berlin – Wilmersdorf
Telefon 030 / 873 01 11
Richard – Sorge – Straße 73
10249 Berlin – Friedrichshain
Telefon 030 / 426 42 42
Therapeutische WG für 18-24jährige
Richard – Sorge – Straße 73
10249 Berlin – Friedrichshain
Telefon: 030 / 426 71 72
GEMINI – Therapeutische WG für 14-21jährige
Richard - Sorge - Straße
73
10249 Berlin - Friedrichshain
Telefon: 030 / 61401078
oder 0177 302 18 30
Impressum
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Hilfen für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche e.V.
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Text
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